Respekt für den Samariter!

Fünf Jahre STREET DOC - denkwürdiger Festakt in der Jugendkirche

Ludwigshafen, 26.10.2018. – Keine Jubiläumsfeier wie jede andere: Unter den über 70 Geladenen zum Festakt „Fünf Jahre STREET DOC“ blieb wohl niemand unberührt von der Kraft der Solidarität, die sich an diesem in besonderer Weise Nachmittag zeigte. Für die Versammelten ging es um Vergewisserung ihres Tuns, um die gemeinsame Reflexion einer in unserer Zeit höchst beachtlichen Gemeinschaftsleistung. Seit Oktober 2013 hat das Team aus Human- und Zahnmedizinern, Arzthelferinnen und Sozialberatung fast 3000 betreute Behandlungen durchgeführt – zugunsten von Menschen, die sonst ohne medizinische Versorgung geblieben wären. Doch der Erfolg des beispielhaften Zusammenwirkens von Ehrenamtlichen, Sponsoren und professioneller Sozialarbeit unter der Federführung der Ökumenischen Fördergemeinschaft Ludwigshafen verleitete die Anwesenden nicht zur Selbstzufriedenheit; im Gegenteil, in allen Festreden und bei Gesprächen vor und nach der Feierstunde dominierten sozialkritische Aspekte, zusammengefasst in der Erkenntnis, dass eine Gesellschaft, die keinen STREET DOC benötigte, zweifellos eine bessere wäre.

Schon in ihren Worten zur Andacht, einmal mehr in bestem ökumenischen Einvernehmen gemeinsam gehalten mit Dekan Alban Meisner, fragte Dekanin Barbara Kohlstruck durchaus pointiert, wo denn gegenwärtig der Respekt für den berühmten Samariter bleibe, den selbstlos Handelnden, in der Tradition der Kirchen seit jeher eine der wichtigsten ethischen Instanzen? Mittlerweile sehe man sich dem Verdacht naiven Gutmenschentums ausgesetzt, preisgegeben dem Spott der Egoisten. Die Erkenntnis, dass hier ein Umdenken einsetzen müsse, prägte die Veranstaltung.

Walter Münzenberger, Geschäftsführer der Ökumenischen Fördergemeinschaft Ludwigshafen, schloss der Begrüßung seinen Dank an: Nicht nur die Aktiven im STREET DOC-Ensemble, auch die zahlreichen Spender und Sponsoren leisten unverzichtbare Beiträge, so uneigennützig wie selbstverständlich. Mit-Initiator Dr. Peter Uebel hob in besonderer Weise das Engagement der Arzthelferinnen hervor, deren Tätigkeit sich keineswegs auf Dokumentation und Assistenz beschränke; sie sind es, die eine Willkommen heißende Atmosphäre schaffen, unerlässlich für die Patientinnen und Patienten, die oftmals eine hohe Motivationsschwelle zu überwinden haben. Uebel erinnerte an die Anfänge, da er im Anschluss an einen Vortrag von Walter Münzenberger mit diesem ins Gespräch gekommen sei – gewissermaßen der thematische Nukleus für alles Kommende. Was innerhalb der folgenden Monate und Jahre geschehen sei, verdiene höchste Anerkennung.

Für viele bewegend war die Uraufführung des STREET DOC-Films der jungen Filmemacherin Julia Schleisiek. Eigentlich als Image-Film gedacht, reicht der Beitrag inhaltlich und künstlerisch über Herkömmliches weit hinaus. Julia Schleisiek, Mitglied im Kulturverein peer 23, ist den meisten Bewohnerinnen und Bewohnern der Bayreuther Straße durch ihr Engagement in David Sarros „Repair Café“ längst bekannt. Als professionelle Filmregisseurin verfügt sie über ein beachtliches Ausdrucksrepertoire; in faszinierenden Schnitten werden die unterschiedlichsten Personen vorgestellt, die mit dem STREET DOC zu tun haben – ein intensives Porträt, das auch diejenigen für die Arbeit des Straßenarztes einnehmen dürfte, die bislang noch nichts von ihm gehört haben.

Für den Aufsichtsratder Ökumenischen Fördergemeinschaft Ludwigshafen sprach der Aufsichtsratsvorsitzende Bernd Konheisner von der Evangelischen Bank. Er, der Banker, habe vor acht Jahren von einem Projekt namens „Blickwechsel“ in vielerlei Hinsicht profiziert und Soziale Arbeit besser verstehen und achten gelernt. Wenn er nunmehr die basisnahen Aktivitäten des STREET DOC erlebe, so offenbare dies eine Vorstellung von den Möglichkeiten, auch gegen Widerstände miteinander Positives zu erschaffen. Konheisner zitierte Matthäus 25, 36-40, worin in klaren Worten die Bedeutung der guten Tat ohne Anspruch auf Rendite geschildert werde: „Wahrlich, ich sage euch, was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Musikalisch umrahmt wurde die Feier von der Band „Lost Paradise“, die drei thematisch passend ausgewählte Lieder von Uwe Frey nach Texten von Johannes Hucke zu Gehör brachte. Die durchkomponierten Songs sorgten auch hinterher beim Buffet für Gesprächsstoff. Eines der Lieder, „Frieren“, stammt aus einem sozialkritischen Musical, das in Ludwigshafen spielt und die dramatisch schwierigen Bedingungen für junge Menschen, die im Obdach aufwachsen müssen, zum Thema hat: „Frieren kann man lernen, es ist anfangs nicht so leicht ...“

Dennoch, bei aller gebotenen Aufmerksamkeit für Chancenungleichheit und mangelnde Perspektiven, bestimmte ein positiv-aufgeweckter, fast trotziger Ton den festlichen Nachmittag. Immer wieder wurde postuliert, wie bedeutsam das Zusammenwirken unterschiedlicher Disziplinen sei, in diesem Falle der Medizin und der Sozialen Arbeit. Nicht immer wirkten die Sparten in der Vergangenheit so reibungslos ineinander, es bestanden nicht wenige Vorurteile: Hier die abgehobenen Mercedesfahrer, dort die geistig etwas minderbemittelten Sozialarbeiter ... Dass es anders geht (und gehen muss!) beweise der STREET DOC in vorbildlicher Weise. Am Ende des nicht-offiziellen Teils formulierte ein Gast: „Diese Dreiheit: Medizin – Sprechstundenhilfe – Sozialarbeit, das ist der Clou, der eigentliche Trick bei der Sache.“

Bereits zuvor hatte Prof. Dr. Günter Dhom, Hauptinitiator der im April 2014 gestarteten zahnmedizinischen STREET DOC-Praxis, in einer eindringlichen Rede den Geist der Gemeinsamkeit beschworen ... und dabei den Rahmen weit gespannt.:Wer, wenn nicht wir, könnte derzeit wirksame Hilfe leisten, besser noch: für gerechtere Bedingungen sorgen? Einer der inhaltlichen Höhepunkte des Jubiläums, zitierte er den US-amerikanischen Kinderbuchautor David J. Smith („Wenn die Welt ein Dorf wäre“), dessen zur Selbstbesinnung anhaltende Worte hier vollständig wiedergegeben werden sollen:

„Falls Du heute Morgen gesund aufgewacht bist, dann bist Du glücklicher als eine Million Menschen, welche die nächste Woche nicht erleben werden. – Falls Du nie einen Kampf des Krieges erlebt hast, nie die Einsamkeit durch Gefangenschaft, die Agonie des Gequälten oder Hunger gespürt hast, dann bist Du glücklicher als 500 Millionen Menschen der Welt. – Falls Du in die Kirche gehen kannst, ohne die Angst, dass Dir gedroht wird, dass man Dich verhaftet oder Dich umbringt, bist Du glücklicher als drei Milliarden Menschen der Welt. – Falls sich in Deinem Kühlschrank Essen befindet, Du angezogen bist, ein Dach über dem Kopf hast und ein Bett zum Hinlegen, bist Du reicher als 75 % der Einwohner dieser Welt. – Falls Du ein Konto bei der Bank hast, etwas Geld im Portemonnaie und etwas Kleingeld besitzt, gehörst Du zu den 8% der wohlhabenden Menschen dieser Welt. – Beim Lesen dieses Textes bist Du doppelt gesegnet worden, denn Du gehörst nicht zu den zwei Milliarden Menschen, die gar nicht lesen können.“

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